Experten warnen vor zu viel Antibiotika für Kinder

Ein Arzt untersucht ein Kind © NDR / SH Magazin

Kindern werden besonders häufig Antibiotika verordnet. Zu häufiger Einsatz könnte die Bildung resistenter Keime fördern, warnen Experten.

Es werden zu viele Antibiotika verschrieben, warnt das Robert Koch-Institut. Und das geht schon im zarten Kindesalter los. Ein aktueller Report der DAK zur Kinder- und Jugendgesundheit belegt, dass jedes vierte Kind hier im Land im vergangenen Jahr Antibiotika bekommen hat. Damit liegt Schleswig-Holstein zwar leicht unter dem Bundesdurchschnitt, aber Kinder bis 14 Jahren zählen hier zu der besonders stark mit Antibiotika versorgten Bevölkerungsgruppe.

Doch eine zu häufige Anwendung von Antibiotika kann die Bildung von antibiotikaresistenten Keimen fördern. Schätzungen zufolge sterben in Deutschland jährlich etwa 2.300 Menschen an multiresistenten Keimen. Zwei Kinderärzte aus Altenholz (Kreis Rendsburg-Eckernförde) versuchen entgegen dem allgemeinen Trend, mit Antibiotika besonders bei Kindern äußerst zurückhaltend umzugehen.

 

Studie: Kinder erhalten zu oft Antibiotika

Laut einem DAK Report bekommen Kinder bis 14 Jahren besonders häufig ein Antibiotikum. Kinderarzt Ralf van Heek hat eine Initiative gegründet, um den Einsatz einzudämmen.

Kinderarzt Philipp Elischer hat zurzeit ein volles Wartezimmer. Sein erster Patient ist Lennart. Er hatte gestern Fieber und hat starke Halsschmerzen. Bei ihm im Kindergarten geht gerade Scharlach rum, der meist mit Antibiotika behandelt wird. Ein Scharlach-Test soll Klarheit für Lennart bringen. Der Kinderarzt aus Altenholz achtet besonders darauf, Antibiotika erst nach eingehenden Untersuchungen einzusetzen.

Welche Ansteckungsgefahren drohen uns?

Obwohl die Medizin große Fortschritte macht, bedrohen Erreger nach wie vor das Leben der Menschen. Beispielsweise ist in der Grippezeit die Gefahr einer Epidemie nach wie vor hoch.

Sein Kollege Ralf van Heek hat eine Initiative gegründet, um den Einsatz von Antibiotika einzudämmen. Einige Ärzte würden sie aus Zeitmangel verschreiben oder aus Angst, etwas übersehen zu haben: „Häufig denkt der Arzt, die Eltern wollen ein Antibiotikum oder sie wollen, dass ich etwas tue“, erklärt van Heek. „Wir haben ein gesellschaftliches und eigentlich ein ökologisches Menschheitsproblem, dass wir Antibiotika zu großzügig einsetzen und uns resistente Bakterien heranzüchten, die wir irgendwann nicht mehr behandeln können“.

Während Lennart noch auf das Testergebnis wartet, untersucht Doktor Elischer seinen zweiten Patienten Leo. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen, hat Fieber und Husten. Elischer muss entscheiden, ob Leo nur erkältet ist oder doch etwas Ernsteres hat. Doch nur bei einem Bruchteil der Erkrankungen sind Antibiotika wirksam: „Wir schauen dem Infekt erst mal 72 Stunden lang zu, dann müssen wir Blut abnehmen und den Urin kontrollieren, ob denn die Harnwege betroffen sind. Da müssen wir uns dann einfach auf die Suche machen,“ erklärt er der besorgten Mutter.

Resistente Keime lassen uns keine Zeit mehr

In der EU sterben jährlich mehr als 33.000 Menschen an Infektionen mit antibiotika-resistenten Keimen. Die aktuellen Zahlen müssen uns alle wachrütteln, kommentiert Christian Baars.

Einige berufstätige Eltern können es sich nicht leisten, mit ihrem Kind zu Hause zu bleiben. Sie beharren deshalb auf Antibiotika, weil sie sich davon eine schnellere Genesung ihres Kindes erhoffen. „Da die meisten Infektionen, die wir heute bei Kindern behandeln, Virusinfektionen sind, stellt sich eigentlich die Frage nach einem Antibiotikum nicht“, erläutert van Heek. „Virusinfektionen können wir einfach nicht antibiotisch behandeln. Die können wir überhaupt nicht behandeln, da muss das Immunsystem allein mit fertig werden.“

Müssen lernen, Fieber bei Kindern auszuhalten

Die Waffe des Immunsystems ist Fieber. „Da würden wir gern Eltern mehr zu bringen, informieren und bilden, damit sie das aushalten“, sagt van Heek. Eltern sollten Kindern viel Ruhe und genügend zu trinken geben. Schmerztabletten sollten sie nur verabreichen, wenn das Kind Schmerzen hat. Um das Fieber zu senken, sollten Eltern die Haut des Kindes großflächig mit einem nassen Waschlappen anfeuchten, so die Experten. Erst ab 41 Grad könne Fieber bei Kindern gefährlich werden.

In der Zwischenzeit ist der Scharlachtest von Lennart fertig. Er ist negativ und das bedeutet laut Elischer, dass ein Antibiotikum derzeit nicht zu empfehlen sei. Der nächste kleine Patient wartet schon und auch bei ihm wird Elischer genau prüfen, ob ein Antibiotikum wirklich notwendig sind.

 

Quelle: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/Experten-warnen-vor-zu-viel-Antibiotika-fuer-Kinder,antibiotikaresistenz102.html

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