Antibiotika in Hunderten Flüssen nachgewiesen

Resistente Keime könnten Millionen Menschenleben kosten, warnt die WHO. Nun haben Forscher eine beunruhigende Entdeckung gemacht: In Wasserproben aus 72 Ländern haben sie Rückstände von Antibiotika gefunden.

Wer schon einmal an einer Harnwegsinfektion gelitten hat, weiß, wie schnell Antibiotika wirken können. Oft sind die brennenden Schmerzen nach nur wenigen Stunden verschwunden. Menschen und Tiere verwerten aber nur einen Teil des Wirkstoffs, der Rest wird wieder ausgeschieden und gelangt in die Umwelt. Forscher der englischen University of York wollten nun herausfinden, wie viel Antibiotika bereits in den Flüssen der Welt schwimmt.

Dafür analysierten sie 711 Proben aus 72 Ländern und suchten darin nach Spuren der am häufigsten verwendeten Antibiotika. Zu den untersuchten Flüssen gehören der Mekong, der Tiber, die Seine und die Themse. In 65 Prozent der Proben wurden die Forscher fündig. „Unsere Ergebnisse sind aufschlussreich und gleichzeitig beunruhigend, weil sie eine weitverbreitete Kontamination von Flusssystemen auf der ganzen Welt mit Antibiotika beweisen“, sagt Alistair Boxall, einer der Studienkoordinatoren.

Auch in Deutschland landet Antibiotika in Gewässern

Welche Auswirkungen die Antibiotikarückstände auf die Umwelt und die weltweite Gesundheit haben können, ist noch weitgehend unerforscht. Sicher ist jedoch, dass mit den Antibiotika auch die Zahl der resistenten Keime steigt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Antibiotikaresistenz bereits als globale Gefahr für die Gesundheit ein, die bis 2050 zehn Millionen Menschenleben fordern könnte.

Verpflichtende Grenzwerte für Antibiotika in der Umwelt gibt es in Deutschland nicht. Das Umweltbundesamt und Umweltschutzorganisationen fordern diese jedoch schon seit längerem. Die britischen Forscher haben ihre Messergebnisse mit Grenzwerten verglichen, auf die sich ein Zusammenschluss aus etwa einhundert Privatunternehmen aus der Biotech- und Pharmabranche geeinigt hat, um Antibiotikaresistenzen zu vermeiden. Das Ergebnis: Die Richtwerte werden in den Proben häufig überschritten.

Antibiotika kann auf mehreren Wegen in die Umwelt gelangen, beispielsweise über die Landwirtschaft oder Kläranlagen. In Ländern, in denen Abwässer kaum gereinigt werden, verschärft sich dieses Problem. Deshalb überrascht es nicht, dass die britischen Forscher in der aktuellen Untersuchung gerade in Asien und Afrika hohe Mengen an Antibiotika nachgewiesen haben. Die höchsten Werte wurden in Bangladesch, Kenia, Ghana, Pakistan und Nigeria gemessen.

Metronidazole überschritten die empfohlenen Grenzwerte besonders deutlich. Das Mittel wird bei bakteriellen Infektionen der Haut oder im Mundraum eingesetzt. Bei einer Probe aus Bangladesch überstieg die nachgewiesene Menge den von den Unternehmen empfohlenen Grenzwert um das 300-Fache. Am häufigsten wurden Rückstände von Trimethoprim entdeckt, an 307 von 711 Probeentnahmestellen. Das Antibiotikum wirkt vor allem gegen Harnwegsentzündungen.

Fünf Antibiotika in der Themse

In europäischen sowie nord- und südamerikanischen Gewässern fanden die Forscher ebenfalls Rückstände von Antibiotika. In der Themse wurden fünf Antibiotika nachgewiesen. Ciprofloxacin, das gegen eine Vielzahl von bakteriellen Infektionen eingesetzt wird, überschritt an drei Messstellen die empfohlenen Grenzwerte. Die höchste Konzentration an Antibiotika in der Themse lag bei 233 Nanogramm pro Liter. Zum Vergleich: In Bangladesch lag sie um das 170-Fache höher.

Die höchsten Konzentrationen in Europa stammen aus Österreich. Sie lagen laut den Forschern viermal höher als der als sicher geltende Wert. Auch in Deutschland sind bereits Spuren von Antibiotika und resistente Keime in Seen und Flüssen nachgewiesen worden.

Für gesunde Menschen ist das meist kein Problem. Gefährlich kann es aber werden, wenn das Immunsystem durch eine Krankheit geschwächt ist. Auch Neugeborene und Senioren haben ein erhöhtes Risiko, bei Kontakt mit den Bakterien zu erkranken. Die Wahrscheinlichkeit sich beim Baden mit den Keimen zu infizieren, ist allerdings extrem gering.

Bislang haben die britischen Forscher ihre Daten noch nicht publiziert, sondern nur auf einer Konferenz in Helsinki vorgestellt. Unklar ist auch, welchen Einfluss die Antibiotikarückstände auf die Flora und Fauna haben.

Quelle: Spiegel.de

 

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